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“Es muss einen kompletten Neuanfang geben”

Fußball: Interview mit Raphael Staffeldt, Teamkapitän des FC Hansa Lüneburg

Der Mannschaftsführer steht Rede und Antwort zur Stimmung beim in Finanznot befindlichen Oberligisten.

Von Volker Stahl

Lüneburg – Endlich herrscht Klarheit bei Fußball-Oberligist FC Hansa Lüneburg: Die Saison wird zu Ende gespielt, Akteure und Betreuer bleiben im Boot und verzichten auf 50 Prozent ihres Gehalts, im Februar wird ein neuer Vorstand gewählt. Das mittelfristig angestrebte Ziel – der Aufstieg in die Regionalliga – ist vorerst zu den Akten gelegt. Wegen des nicht regionalligatauglichen Stadions und der Finanznot verzichtet Hansa auf die theoretisch noch vorhandene Aufstiegchance. Nachdem der FC Hansa die restlichen neun, zehn Punkte gegen den Abstieg gesammelt haben wird, geht es nur noch um die goldene Ananas. Die Lüneburger Rundschau sprach mit Teamkapitän Raphael Staffeldt (27) über die Stimmung im Team vorm Auswärtsspiel bei VSK Osterholz-Scharmbeck (Sonntag, 15 Uhr).

Lüneburger Rundschau:
Was überwiegt nach der Entscheidung: Frust oder Erleichterung?
Raphael Staffeldt:
Der Frust war groß, als wir zuerst aus der Presse erfahren hatten, dass uns kräftige finanzielle Einbußen erwarten würden. Ich bin jetzt im vierten Jahr in Lüneburg – und jedes Jahr hat man uns falsche Versprechungen gemacht. “Das gebe ich mir nicht noch einmal”, war meine erste Reaktion. Gehen oder bleiben – ich war hin- und hergerissen. Auch meine Familie, mit der ich lange darüber gesprochen habe, war gespalten. Meine Schwester riet, einen Schlussstrich zu ziehen. Meine Eltern meinten: “Junge, es macht dir doch Spaß, dort zu spielen. Geld ist nicht alles.” Am Ende habe ich mich fürs Bleiben entschieden – es käme doch blöd herüber, wenn der Kapitän nicht an Bord bliebe.

LR:
Fast wäre die Kogge gesunken.
Staffeldt:
Ja, deshalb muss es im Februar endlich einen kompletten Neuanfang geben. Nur den Vereinsnamen zu ändern, reicht nicht – es muss ein von der Vergangenheit völlig unbelasteter Vorstand her. Ob SEG oder Vorstand, zuletzt konnten wir doch keinem mehr glauben, weil wir keinen Einblick in die Interna hatten. Wo sind zum Beispiel die hohen Einnahmen aus dem Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart geblieben? Da gab es doch allein 100 000 Euro an Fernsehgeldern. Wenn ich heute höre, die SEG kämpfe mit Altlasten aus der LSK-Zeit, möchte ich daran erinnern, dass uns der Verein vor Saisonbeginn gesagt hat: “Wir fangen bei null an.”

LR:
Geraten Mannschaftskameraden wegen der Kürzung der Bezüge in Schwierigkeiten?
Staffeldt:
Glücklicherweise sind wir nicht alle auf das Geld angewiesen, weil viele einen Beruf haben. Bei den jungen Spielern ist es anders. Die brauchen das Geld, allein um die enorm hohen Fahrtkosten zu decken. Deshalb ist es zurzeit im Gespräch, das Training von vier- auf dreimal in der Woche zu reduzieren. Aber noch mal: Seit Jahren gibt es hier Knatsch ums Geld, das ist in dieser Spielklasse wohl einmalig und muss sich endlich ändern.

LR:
Wann ist das Maß voll?
Staffeldt:
Leider ist hier in drei Monaten mehr los als in anderen Vereinen in der ganzen Saison. Man denkt, da kommt nichts Schlimmes mehr – und bald merkt man, dass man sich wieder getäuscht hat. Wir ziehen das halbe Jahr erst einmal durch und warten ab, was der neue Vorstand anbietet. Die meisten würden wohl gern bleiben, denn die Chemie im Team ist einmalig. Wir sind eine Super-Truppe.

LR:
Welche Perspektiven hat der Fußball in Lüneburg?
Staffeldt:
Lüneburg ist eine großartige Stadt und Hansa in der Region sportlich die erste Adresse für den talentierten Nachwuchs. In einer 80 000-Einwohner-Stadt muss mehr drin sein als bisher. Aber ich habe leider den Eindruck, dass die Leute im Rathaus nicht so angetan vom Fußball sind. Deshalb muss der Verein ein Konzept vorlegen, das Politiker und Sponsoren überzeugt.

LR:
Sie sprachen die Talentschmiede Hansa an. Wem trauen Sie den Sprung nach oben zu?
Staffeldt:
Finn Gierke. Er hat einen starken Antritt, ist technisch versiert, schnell und verfügt über einen unglaublichen linken Fuß. Wenn er voll abzieht, fliegt der Torwart mit dem Ball ins Netz. In Sachen Spielverständnis muss er aber noch dazulernen – er rennt zu viel vergebens.

LR:
Wie lange wollen Sie noch spielen?
Staffeldt:
Bis die Knochen nicht mehr mitmachen, am liebsten weiter in Lüneburg.

Raphael Staffeldt spielt seit Juni 2005 in Lüneburg Fußball – erst beim Lüneburger SK, seit 2008 beim neuen FC Hansa. Stammverein des 1,93 Meter großen Manndeckers ist der TSV Winsen. In Hamburg schnürte der im Hamburger Freihafen im Lagerhaus Heinrich Osse beschäftigte Speditionskaufmann die Senkel für Bergedorf 85. Staffeldt ist ein echtes Nordlicht mit Sympathien für “einen Klub im Süden”. Dass es sich dabei um Bayern München handelt, gibt der 27-Jährige erst auf Nachfragen preis. Grund: “In unserer Familie sind alle verrückt nach dem HSV.”

Quelle: Hamburger Abendblatt/Lüneburger Rundschau

Eingestellt am 31. Januar 2009 • Kategorie: Amateurmarkt Allgemein, Interview der Woche

Eingestellt von Rene Werner
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